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WissensKünste
 
Die WissensKünste waren als ein Ort gedacht, an dem der Brückenschlag zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Kreativität erprobt werden soll: Begegnungen zwischen dem Wissen der Künste und der Kunst des Wissens.

Unter dem Titel "WissensKünste" hatte das Zentrum für Literaturforschung seit dem Herbst 2001 eine Veranstaltungsreihe etabliert, in der regelmäßig international bekannte Künstler und Wissenschaftler, die aus ihrem Bereich die avanciertesten Positionen einbringen, zusammen gebracht wurden, um ihre spezifischen Beiträge zu Phänomenen der wissenschaftlichen, technischen und medialen Entwicklung der Kultur auszutauschen. Wo Kunst und Wissenschaft durch Ressortpolitik, Ausbildungswege und Förderinstitutionen üblicherweise getrennt werden, wollte die Veranstaltung auch einen Beitrag zur ‚Vereinigung‘ leisten, um der Gefahr einer neuen Berliner Mauer – zwischen der Kulturmetropole und der Universitätsmetropole – entgegenzuwirken.

Die WissensKünste wurden unter einem jährlich wechselnden Schwerpunktthema durchgeführt. An den Schnittstellen gemeinsamer Themen, Motive oder Paradigmen sollte die Differenz der Blicke und Sprachen von Kunst und Wissenschaft produktiv gemacht werden. Sind die Arbeiten von Künstlern üblicherweise Gegenstand theoretischer und historischer Analyse und werden ihre ästhetischen Kompetenzen oft lediglich zur Präsentation von Wissen oder zur Ausstellung wissenschaftlicher Objekte hinzugezogen, so ging es hier darum, die künstlerischen Wahrnehmungen und Kommentare zu aktuellen Phänomenen als genuinen Beitrag zur Erforschung unserer Kultur zu betrachten, als eine Art Science Studies mit künstlerischen Ausdrucksmitteln. Die Wissenschaftler waren hier also nicht als Interpreten, sondern Gesprächspartner der Künstler gefragt – in einer Begegnung zwischen beispielsweise Biowissenschaftler und Performancekünstler, Videokünstler und Ethnologen, Landartkünstler und Klimaforscher, Stadtplaner und Schriftsteller, Historiker des Museums und Architekt, Filmemacher und Hirnforscher etc. Könnten beide, Wissenschaft und Kunst, auf Erfahrungen im Umgang mit Beobachtung und Experiment zurückblicken, so wäre die Veranstaltungsreihe selbst ein Experiment.

Zu einem solchen Experiment bestand von beiden Seiten Bedarf: Die Gegenwartskunst hat mit ihren Praktiken, beispielsweise mit der Konzept- und Aktionskunst, die Grenzen der traditionellen Künste und Medien (Leinwand, Bühne, Buch etc.) längst überschritten. Experimentelle, multimediale und interaktive Projekte sind an deren Stelle getreten. Immer stärker auch beziehen die Künstler theoretische Reflexionen und wissenschaftliche Erkenntnisse in einzelne ihrer Vorhaben ein. Und häufig auch beschäftigen sie sich – mit den ihnen eigenen ästhetischen Möglichkeiten – mit denselben Phänomenen und Problemen, mit denen heute auch die Wissenschaften befaßt sind, wie das Engagement von Künstlern und Schriftstellern für die Medien- und Stadtentwicklung, in ökologischen wie interkulturellen Konflikten, für die Gedenkpolitik oder auch die Entwicklungen der Biowissenschaften belegt. Als konkrete, sinnliche Auslotung und Erprobung verschiedener Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Gefühlsmodi in einer technisch-naturwissenschaftlich geprägten Lebenswelt sind viele Beiträge aus Kunst- und Literaturbetrieb selbst zum Bestandteil einer komplexen Wissenskultur geworden. Die Arbeiten von Künstlern sind nicht nur seismographische Aufzeichnungen veränderter Erfahrungs- und Symbolwelten, sie tragen selbst zu deren Entwicklung, zur experimentellen Erkundung und praktischen Evaluierung bei. Jenseits der Grenzen der schönen Künste – als Techné und Aisthesis im buchstäblichen Sinne – operieren die künstlerischen Praktiken heute in denselben Bereichen, um die sich auch die neueren akademischen Wissenskulturen bemühen. Gleichzeitig ist die Trennung zwischen freien und angewandten Künsten vielfach obsolet geworden, wie nicht nur die Tendenzen in der Architektur, Umwelt- und Stadtplanung, sondern auch in den Bereichen der visuellen und elektronischen Medien, des Designs, der Materialkunde etc. zeigen. Deshalb gibt es gegenwärtig verstärkte Bestrebungen, Orte, Situationen und Institutionen zu schaffen, an denen künstlerisch-praktische und wissenschaftlich-theoretische Perspektiven zusammen- und aufeinandertreffen können (z.B. das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, die Vortragsreihe im Rahmen der Documenta X, die Ars Electronica-Veranstaltungen oder auch die Veranstaltungsreihen im Offenen Kulturhaus und der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz).

Die Wissenschaftsforschung hat in jüngster Zeit nicht nur die Kulturgeschichte des Wissens entdeckt, nicht nur Rhetorik und Metaphorik, Inszenierung und Repräsentation fachwissenschaftlicher Diskurse und die mediale, symbolische und ästhetische Konstitution von deren Gegenständen. Man ist vielerorts auch aufmerksamer geworden auf die literarisch-imaginäre Vorgeschichte oder Kehrseite von wissenschaftlichen Erklärungen, Erfindungen und Erkenntnissen. Und man besinnt sich vormals gemeinsamer Erkenntnisweisen, die vor allem den Fachwissenschaften im Zuge der Spezialisierungen und der Trennungen von Kunst und Wissenschaft, von Natur- und Geisteswissenschaft, von Theorie und Praxis verloren gegangen sind: wie etwa Kreativität, Fiktion im ursprünglichen Sinne von Gestaltung/Hervorbringung, Imagination als Vor-Stellung/Einbildungskraft, Experiment zugleich als Erprobung und Beobachtung, Techné als Kunst/Fertigkeit etc.

Und die Literaturforschung? Sie hat sich in jüngerer Zeit aus ihren engeren textbezogenen Bahnen heraus bewegt und zu kultur- und mediengeschichtlichen Perspektiven hin geöffnet. Diese erlauben es, genuin philologische, d.h. hermeneutische, textkritische, erzähl- und symboltheoretische Kompetenzen auf eine Lektüre und Poetik der Kultur auszudehnen bzw. zu übertragen. Wird die Geschichte der ästhetisch-symbolischen Konstruktionen und Deutungen von Wirklichkeit insofern mit der Analyse der sie hervorbringenden Kulturtechniken verbunden, so stehen die verschiedenen Schnittpunkte von Kunst und Wissen damit im Mittelpunkt des Interesses. Das betrifft im Zentrum für Literaturforschung nicht nur die langjährige Arbeit an der Geschichte ästhetischer Grundbegriffe, sondern auch jüngere Projekte wie diejenigen zur Aisthesis materialis, zur Semiotik der Künste (von der Antike bis zur Moderne), zur Medien- und Kulturgeschichte Europas sowie das Vorhaben einer Literaturforschung zur Wissenschaftsgeschichte, das sich auf exemplarische Konstellationen aus der Trennungsgeschichte der „zwei Kulturen“ (Natur- und Geisteswissenschaften), auf hybride Konzepte und auf das Verhältnis von Leitmetaphern und Leitwissenschaften konzentriert. In Ergänzung – und auch Intervention oder Korrektur – zur historischen Forschung sollten die WissensKünste dazu dienen, den state of the art des Wissens in einer technologisch-wissenschaftlich geprägten Kultur zu erkunden.

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